LitKu - Buch des Monats April 2022

Teresa Präauer: Mädchen.
Wallstein 2022.

Es ist eine verzwickte Lage, in der sich die Erzählerin (eine literarische Selbstinszenierung der Autorin) zu Beginn von Teresa Präauers neuestem Text befindet: Nach nur einem kurzen Nickerchen erwacht sie gefesselt, umringt und beklettert von geschäftigen Playmobil-Piraten, Star Wars- und Ninjago-Figuren, auf dem Zimmerboden eines Neunjährigen, auf den sie gerade aufpasst. Wie Gulliver auf seinen Reisen festgesetzt hat sie Zeit zum Beobachten und Reflektieren, während der Junge um sie herum spielt, rastet, isst, tobt und döst. Im Zimmer finden sich Schätze, die sein Kind- und Junge-Sein wohl irgendwie mit ausmachen: ein Gummiball mit bunten Alufäden, ein Harry Potter-Schloss, die vielen Figürchen, ein Buch mit dem Titel Hundert Dinge, die ein Junge wissen muss. Und die Erzählerin? Die macht inspiriert von dem Gesehenen einen Gedankensprung in die eigene erinnerte Kindheit, in ihr Mädchen-gewesen-Sein, und startet eine behutsame, assoziative Annäherung:

Das Mädchen ist dabei Thema, Wort, Figur, Projektionsfläche, Trope und Symbol. Wer über das Mädchen nachdenkt, denkt über Anfänge nach. Ich will mich erinnern können.

In ihrem Buch verflicht die österreichische Autorin sehr persönliche Erinnerungen an ihre Familie, die Schulzeit und das Flügge-Werden in der großen Stadt mit der Gegenwart im Kinderzimmer. Geschickt spielt sie mit der Behaglichkeit jenes nostalgischen Schleiers, der sich nur allzu gerne über Kindheitserinnerungen legt. Dabei werden sowohl die eigene Rückschau als auch dingliche Erinnerungsstücke auf ihren realitätsbildenden Gehalt hin befragt: Unser Vater setzte die Szenen gekonnt ins Bild. Zwei Mädchen mit Würmern in den Schürzentaschen, kommentiert sie etwa ein (letztlich auch zurechtimaginiertes) Foto von ihr und ihrer Schwester, nur um wenig später nachzusetzen: Würmer hatten wir übrigens nie in den Taschen, wir trugen auch kaum je Schürzen. In Anlehnung an andere Mädchenbilder aus Literatur und bildender Kunst wird das Mädchen-Sein als ein Zustand erkundet, der nach dem Entwachsen nicht mehr zugänglich und doch identitätsbildend ist; als eine Empfindung, die zwar der eigenen, aber doch einer ganz anderen Lebenswelt zugehört. In Anlehnung an Annie Ernauxs Erinnerungen eines Mädchens (Suhrkamp 2016) heißt es da:

Um das Mädchen in diesen Bildern zu sein, müsste ich Ballett tanzen im Anfängerkurs, buntes Seidenpapier zu kleinen Kugeln rollen und im Herbst auf Kastanien kleben, mich im Fasching als Rotkäppchen verkleiden, unterm Arm einen Korb, befüllt mit Gugelhupf und einer Flasche Rotwein, ein Wort wie Juchhu in Großbuchstaben schreiben üben. Ich müsste mich vor Räubern und Hexen fürchten, Kirschen pflücken und akrobatische Turnübungen an Seilen und Ringen vollführen.

Dieses Erinnern, Nachdenken und Verflechten bildet den Kern des Texts, der durch das lustvoll paradoxe Zwiegespräch mit dem Jungen in der Rahmenhandlung aber auch zum Essay über die Fiktion an sich wird. So kann die doch auch glaubhafte Szenerie ganz unverhofft kippen, wenn sich der Neunjährige etwa als Kenner literaturwissenschaftlicher Theorien herausstellt, die Erzählerin sich in Konversation mit ihrem jüngeren Ich begibt oder eben Spielfiguren lebendig werden. Das Erinnern und das Schreiben werden als verwandte Prozesse herausgearbeitet; eine Verwandtschaft, die aber nicht unmissverständlich ausformuliert, sondern am Beispiel des Texts vorgeführt wird.

Das Entlanghangeln von Gedankenbild zu Gedankenbild, das Wechselspiel zwischen schrittweisem Weitererzählen und Illusionsbruch, lässt vieles in der Schwebe und gibt damit die Freiheit, noch einmal ganz anders auf das (Schreiben über) Mädchen zu schauen. So führt die Erzählerin zwar manchmal in die Irre, sie begleitet die Leser*innen aber auch durch das Textgewebe. Und wie diese eloquente Reisebegleiterin lässt sich auch das Mädchen nicht festlegen; seine Zuschreibungen changieren zwischen romantischer Verklärung und kategorischer Herabsetzung, zwischen Mädchen im Kleidchen mit Blümchen im Körbchen und Rebellion gegen vorgefertigte Rollenbilder. Es ist eine verspielte, raffinierte, humorvolle Annäherung, die einen Bogen schlägt von der individuellen Kindheit zur medialen Imagination:

Das Mädchen ist eine Aktionistin, das Mädchen ist ein Anblick, es ist etwas, und wir werden ihm damit nicht gerecht, zwischen Göre und Prinzessin, zwischen Diffamierung und Beschönigung. Das Mädchen ist eine Kämpferin und so etwas wie eine Symbolfigur, die bewundert wird oder kritisiert oder verleumdet. Das Mädchen ist manchmal bereits älter, als es aussieht. Es trägt Zöpfe und wirkt damit harmlos, aber es ist voller Wut auf die Ungerechtigkeit in der Welt und führt den Klimastreik an. Und auch dieses Mädchen gibt es: Es trägt nichts als ein rotes Kleid und stellt sich schutzlos gegen die bewaffnete Polizei. Und jenes: Es hält eine Rede vor der UN-Vollversammlung, nachdem man ihm ins Gesicht geschossen hat. Und dieses fällt mir auch ein: Es segelt allein um die Welt.

 

Sarah Auer

cs/cg

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