LitKu - Buch des Monats März 2022

Vladimir Vertlib: Zebra im Krieg. Roman.
Nach einer wahren Begebenheit
Residenz 2022.

In seinem neuen, Mitte Februar erschienenen Roman thematisiert Vladimir Vertlib – der vor wenigen Wochen bei unserer Fernkurs-Tagung »Randschaften« in Salzburg zu Gast war – jenen Konflikt, der seit den vergangenen Wochen im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit steht. Ohne vorausahnen zu können, welch entsetzliche Aktualität sein Text schon so bald nach dessen Erscheinen erhalten würde, setzt sich der Autor darin mit den politischen, sozialen und persönlichen Wirren im postsowjetischen Raum auseinander:

In jener namenlosen osteuropäischen Hafenstadt, in der der Roman angesiedelt ist und die sich gerade von den Folgen der Corona-Krise erholt, herrscht Bürgerkrieg. Rebell*innen haben sämtliche Zufahrtsstraßen blockiert, der Flughafen ist zerstört und Paul Sarianidis arbeitslos. Der frühere Flugzeugingenieur ist ein fürsorglicher, liebevoller Familienvater und lebt mit seiner Mutter Eva, seiner im Krankenhaus Dauerschichten schiebenden Frau Flora und seiner gerade ins Teenageralter gekommenen Tochter Lena in einer gemeinsamen Wohnung.

„Krisen sind Glanzzeiten für das Netz.“

Des Nachts jedoch treibt sich Paul in Internetforen herum, wo sich die anonymen User*innen politische Streitgespräche liefern, die nicht selten in wüsten Beschimpfungen und Gewaltandrohungen enden. Diesen emotional aufgeladenen Disputen kann sich Paul nicht entziehen. Eines Nachts lässt er sich dazu hinreißen, üble Hass-Postings an einen ihm unbekannten Mann abzuschicken. Dass es sich dabei um den Separatist*innenanführer Boris Lupowitsch handelt, erfährt er erst später, als dessen Handlanger – kurz nach der Eroberung der Stadt – bewaffnet vor Pauls Tür stehen und ihn vor seinen erzürnten Widersacher führen. Dieser hat sich einen ausgeklügelten Racheplan überlegt: Vor laufender Kamera wird Paul gedemütigt und das Video davon auf YouTube veröffentlicht, wo es innerhalb kürzester Zeit Hunderttausende Klicks verzeichnet und Paul über Nacht zum Gespött der Stadt macht.

Als Konsequenz erfährt nicht nur seine Tochter Ausgrenzung in der Schule, sondern auch Paul bekommt den Hass der Leute leibhaftig zu spüren. Aufgestachelt von dem faschistischen Propaganda des diktatorischen Systems, das in der Zwischenzeit von den neuen Machthaber*innen eingerichtet wurde, befördert ihn eines Tages ein wilder Mob in einem beängstigenden „Entsorgungs“-Ritual in eine Bio-Mülltonne – in die zuvor auch schon eine kritische Theaterdirektorin gestoßen wurde. Dabei führt Vladimir Vertlib nicht nur vor, wie erschreckend rasch sich die allgemeine Meinung in einer Krisensituation – entsprechend dem jeweiligen etablierten politischen System – drehen, wie leicht die Stimmung in einer Gesellschaft kippen kann. Er unterfüttert seine Erzählung auch mit einer ordentlichen Portion Ironie und entwirft immer wieder skurrile Szenen, die ihren bitteren Ernst gerade durch ihre fast Slapstick-hafte Komik – über die man an kaum einer Stelle unbeschwert lachen kann – untermauern.

„Papa, da draußen ist ein Zebra!“

Die Absurdität der festgefahrenen Situation in der zerrütteten Stadt, die noch nicht [weiß], ob sie erobert oder befreit worden ist, wird nicht zuletzt in der titelgebenden Figur des immer wieder auftauchenden Zebras verdichtet, das aus dem zerstörten Zoo entlaufen ist und zum (fast grotesken) Inbegriff der (politischen sowie sozialen) Ausnahmesituation wird:

[Paul] schaut hinaus und sieht – ein Zebra. Es steht auf der anderen Straßenseite, am Abhang, genau am oberen Ende der Treppe, die an den geköpften Statuen vorbei in die Innenstadt hinunterführt, und rührt sich nicht vom Fleck.
[…] Die Menschen gehen mit einer Gleichgültigkeit an dem Tier vorbei, als handle es sich um eine Katze, einen Hund oder einen alltäglichen Gegenstand. […] Und was das Erstaunlichste ist: Niemand fotografiert das Tier mit dem Handy!
Es fällt Paul auf, dass die Menschen von Tag zu Tag verschlossener werden. Sie nehmen nur mehr sich selbst wahr und flüchten in ihre eigene, innere Welt, als seien sie mit der Zeit und der Welt um sie herum in eine Schockstarre verfallen, genauso wie das Zebra, das sich mitten auf dem Gehsteig minutenlang nicht vom Platz rührt.

Was Paul hier mit Blick auf den Lebensalltag in seiner Stadt diagnostiziert, wird an anderen Stellen des Romans auch in Bezug auf die (global zu beobachtenden) Tendenzen in sozialen Netzwerken formuliert.

Wenn man Gesprächspartner nur noch als Profile oder Fotografien und nicht als reale Menschen wahrnimmt, kann das sehr schnell zu Enthemmung führen. Zu Dynamiken, die Konflikte und Polarisierungen verschärfen.

– so Vladimir Vertlib in einem Interview mit der taz.

„Was heißt denn wirklich?“

Anstatt jedoch eine einfache Parabel auf die Gefahren des anonymisierten Internets zu verfassen, hat Vladimir Vertlib mit Zebra im Krieg einen vielschichtigen Roman vorgelegt, der beklemmende Tendenzen unserer Gesellschaft mit einer Stadt im Ausnahmezustand verschränkt – und dabei unheimlich nah an unserer Wirklichkeit scheint. Und das nicht nur, weil die zu Beginn erwähnte Sache mit dem Video auf einer „wahren Begebenheit“ (wie schon der Untertitel des Buches nahelegt) basiert:

Die Szene mit dem Video beruht auf Tatsachen. Sie hat sich vor einigen Jahren in der Ukraine zugetragen. In meinem Roman habe ich die Stadt allerdings ans Meer verlegt. Ich hatte ein bisschen Odessa im Kopf, es könnte aber auch Mariupol, Sewastopol oder Sotschi sein. Ich habe es bewusst offen gelassen. Ich wollte kein Schlüsselbuch über den Ukraine-Konflikt oder das System Putin schreiben. Vielmehr handelt es sich um einen exemplarischen Fall für die Verhältnisse an der Peripherie Europas. (Vladimir Vertlib)

Dennoch könnten viele der geschilderten Diskurse direkt aus der aktuellen Realität gegriffen sein. Beispielsweise wenn die junge Lena in den familiären Diskussionen immer wieder – die offiziellen Erzählungen wiederhallend – trotzig dazwischenruft: „Das ist kein Krieg […]. Das ist eine erweiterte Polizeiaktion …“

„Papa, es ist Frieden!“

Dieser hoffnungsvolle Ausruf der Tochter an den Vater rahmt den Roman – und die politischen Machtwechsel in der Heimatstadt des Protagonisten. Paul, der komisch-tragische (Anti-)Held der Geschichte, ist in Zebra im Krieg jedoch nicht nur die Figur, durch deren Augen wir als Leser*innen das Geschehen beobachten. Auch auf der Ebene der Romanhandlung wird er zu jenem Erzähler, dessen Geschichten vor allem der Tochter dabei helfen, die Nächte zu durchwachen – und so Hoffnung auf ein gemeinsames Danach machen.

 

Claudia Sackl

cs/cg

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