LitKu - Buch des Monats Mai 2021
Es gilt das gesprochene Wort. Film von İlker Çatak.
Regie İlker Çatak.
Drehbuch İlker Çatak und Nils Mohl.
DE / FR 2019.
Es gilt das gesprochene Wort sind jene Worte, die die Standesbeamtin an Marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Oğulcan Arman Uslo) richtet, als sie die beiden in der Anfangsszene des gleichnamigen Films zum Jawort auffordert. Bezeichnend unbeholfen wirken die beiden, als sie schließlich zu jener entsprechende[n] zwischenmenschliche[n] Geste aufgefordert werden, die den Ehekontrakt besiegeln soll. Marion setzt zu einem Kuss auf den Mund an, Baran jedoch küsst nur ihre Wangen. Von tatsächlicher Bedeutung ist aber ohnehin nur jenes Symbol, das ihre Ehe nach außen hin sichtbar macht: Jene Ringe, die die beiden in getrennten Wohnungen lebenden Eheleute von nun an zu jeder Zeit an ihrem Finger tragen werden.
In seinem neuesten Film fokussiert der deutsche Regisseur İlker Çatak die institutionellen, gesellschaftlichen und emotionalen Verwicklungen einer Scheinehe zwischen einer deutschen Pilotin und einem ca. 15 Jahre jüngeren kurdisch-türkischen Gigolo, der auf der Suche nach einem besseren Leben ist. Kennengelernt haben sich die beiden in einem türkischen Ferienort: Nach ihrer Brustkrebsdiagnose hatte sich Marion von ihrem damaligen Liebhaber Raphael (Godehard Giese) kurzerhand zu einer Fünf-Sterne-all-inclusive-Reise an den Strand überreden lassen. Trotz dieser gebührlich Drama versprechenden Ausgangssituation bleiben die ganz großen Gefühle in Es gilt das gesprochene Wort jedoch aus. Denn viel ausgesprochen wird zwischen den Figuren nicht. Das Trennungsgespräch zwischen Raphael und Marion nimmt letztere sogar zur Gänze vorweg, ohne ihr Gegenüber zu Wort kommen zu lassen:
[Marion und Raphael sitzen auf dem Balkon ihres Hotels in der Türkei.]
Marion: Das können wir doch abkürzen oder? Ich mein, wir wissen doch eh, wie‘s laufen wird.
Raphael:
Marion [atemlos]: Ich sag’: Das ist mir alles zu eng. Je mehr du von mir willst, desto weniger will ich von dir. Und dann sagst du: Ja, aber das war und ist nicht immer einfach so eine Affäre. Und dann sag’ ich: Tja, das ist dein Ding, deine Entscheidung, deine Verantwortung. Und ich sag’ auch: Nur weil ich jetzt [hustet bedeutungsschwanger] krank bin, denkst du jetzt, du musst dich um mich kümmern. Ich will das aber nicht. [...]
Marion ist eine selbstbestimmte Rationalistin, die sich von niemandem etwas vorschreiben, aber auch keinen so wirklich an sie heran lässt. Auch nicht die Zuseher_innen. Über ihre tatsächlichen Beweggründe, Baran zu heiraten, wird nicht viel deutlich; körperlich kommen sich die beiden erst nach mehr als einem Jahr Ehe näher. Dass Baran der nach drei Jahren versprochene deutsche Pass lockt, ist die von Anfang an klar klar ausgesprochene Prämisse dieser unkonventionellen Beziehung. Was genau, d. h. welche biografischen, ökonomischen oder politischen Hintergründe ihn dazu antreiben, die Türkei so bedingungslos verlassen zu wollen, bleibt jedoch offen. Als Zuschauer_innen können wir lediglich vermuten, was sich hinter den Fassaden der beiden Protagonist_innen tut – und genau das macht den Film (unter anderem) so spannend.
Auch in dieser Hinsicht kommt Es gilt das gesprochene Wort, dessen Drehbuch İlker Çatak und Nils Mohl gemeinsam verfasst haben, viel ruhiger daher als die erste gemeinsame Produktion der beiden Künstler, Es war einmal Indianerland. Anders als die filmischen Adaption des gleichnamigen Romans von Nils Mohl setzt Es gilt das gesprochene Wort nicht auf a-chronologische Zeitraffereffekte und Zeitsprünge, sondern erzählt seine Geschichte konsequent linear. Das Aufeinanderfolgen unterschiedlicher Zeitebenen und -formen konstituiert aber auch hier die narrative Struktur. In drei Kapitel unterteilt – Präteritum: ich war, Präsens: du bist, Futur I: wir werden sein – werden die Figuren nicht nur diachron, sondern auch relational zueinander in Beziehung gesetzt. Ob Marions und Barans Zukunft tatsächlich ein gemeinsames Wir beinhaltet, bleibt am Ende jedoch ebenfalls Interpretation der Zuseher_innen überlassen.
Claudia Sackl
cs/cg

