LitKu - Buch des Monats September 2021
Madeline Miller: Ich bin Circe.
Aus dem Engl. von Frauke Brodd.
München: Eisele 2019.
Als ich geboren wurde, gab es für das, was ich war, keinen Namen.
Ein Asteroid, eine Spinnenart und eine Schachvariante wurden nach ihr benannt, nicht zu vergessen der Ausdruck “jemanden bezirzen”: Circe (oder Kirke), eine Zauberin aus der griechischen Mythologie. Eine der frühesten von vielen weiteren literarischen Bearbeitungen ihrer Geschichte findet sich in Homers Odyssee, wohl einige Jahrhunderte vor Christus entstanden, die Faszination dieser vielschichtigen Frauenfigur hält aber bis heute an. Nachdem sich die US-amerikanische Autorin Madeline Miller in ihrem Romandebüt mit der Beziehung zwischen Achill und Petroklos beschäftigte (Das Lied des Achill, 2011) erzählt sie hier in der Ich-Perspektive die Geschichte von Circe – die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 und wurde wie schon Millers Erstling zum Bestseller.
Von Geburt an passt Circe nirgendwo so richtig dazu: Da ihre Mutter Perse zwar dem Geschlecht der Titanen entstammt, aber eine Najade ist, ist auch ihre aus der Verbindung mit dem mächtigen Sonnengott Helios hervorgegangene Tochter in der Hierarchie der göttlichen Wesen vergleichsweise weit unten angesiedelt. Ihre Geschwister Perses und Pasiphae verspotten sie bei jeder Gelegenheit, nicht zuletzt wegen ihrer Stimme, die für die Ohren der Gött*innen unangenehm und ein wenig zu sehr nach Sterblichen klingt. Unter den Gött*innen, die als kaltherzig und gleichgültig dargestellt werden, fühlt sich Circe fehl am Platz – bis ihr die Begegnung mit einem Sterblichen zeigt, was Leben auch heißen kann. Die Liebe zu ihm führt dazu, dass sie nach Jahrhunderten des Daseins als niedrige Göttin ihre Zauberkräfte entdeckt; deren fatale Auswirkungen wiederum bedingen ihre Verbannung auf die einsame Insel Aiaia. Die vermeintliche Strafe wird für die Protagonistin zur Möglichkeit der Emanzipation: Zwar auf sich allein gestellt, aber mit göttlichem Komfort ausgestattet, hat sie alle Zeit der Welt, um mit der magischen Wirkung von allem zu experimentieren, was die Natur zu bieten hat.
Doch die Sehnsucht nach Kontakt zu den Sterblichen bleibt, und als eines Tages gestrandete Seeleute an ihrer Türe um Hilfe bitten, lässt sie sie ein – womit Ereignisse ihren Lauf nehmen, die zwar eng an die Handlung der Odyssee gebunden sind, jedoch aus einer sehr modernen und vor allem feministischen Perspektive erzählt werden. Seine Grundspannung bezieht der Roman aus der Gegensätzlichkeit von Gött*innen- und Menschenwelt, die besonders dann frappant wird, wenn es um die Frage nach der Zeit geht. So erwähnt Circe bei ihrer ersten Begegnung mit einem Menschen, dass sie einmal Prometheus begegnet sei. Er meint, sie scherze, sei das doch eine Geschichte, die sich vor einem Dutzend Generationen zugetragen habe... Aus der Frage nach der Zeit und ihrer Unendlichkeit für die Gött*innen ergibt sich schließlich auch jene finale Entscheidung, die Circe am Ende der fesselnden Geschichte zu treffen hat, als sie sich ein weiteres Mal in einen Sterblichen – und damit eben auch Endlichen – verliebt.
Die Fülle an Figuren aus beiden Welten, die in den vielen Jahrhunderten von Circes Göttinnenleben auftauchen und die in vielen Fällen miteinander verbunden sind, ist nicht immer einfach zu durchschauen – Leser*innen, denen eine Re-Lektüre der Odyssee zur Kontextualisierung doch etwas zu aufwändig ist, finden auf der Homepage der Autorin sehr hilfreiche Materialien dazu, etwa eine >>> Liste der Figuren oder einen besonders schön gestalteten >>> Foto-Essay, in dem sie verschiedene künstlerische Darstellungen ihrer Hauptfigur präsentiert und kommentiert. Wer sich hingegen in die spezifisch Miller’sche Interpretation der mythologischen Figuren verliebt hat, der sei verraten, dass das Buch gerade von HBO Max als Serie adaptiert wird.
Kathrin Wexberg
cs/cg

