LitKu - Buch des Monats Oktober 2021

Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter.
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2021.

Eine gefinkelte Irreführung des Buchs als Medium ist seine vermeintliche Abgeschlossenheit: Ein Titel, eine Genrebezeichnung, zwei Buchdeckel. Dazwischen ein in sich stimmiger Text, auserzählt von der ersten bis zur letzten Seite. Eine Geschichte und alles, was zu ihr zu sagen ist. Dass das Erzählen aber mitunter weniger stringent funktioniert, dass Geschichten eben auch oft offen bleiben (müssen), an diese Erkenntnis führt Alois Hotschnig seine Leser*innen im Roman Der Silberfuchs meiner Mutter behutsam und doch radikal heran. Der Autor meidet den Eindruck einer sachlichen Außenbetrachtung; die menschliche Erinnerung ordnet sich nicht rein chronologisch und die Erzählung eines Lebens muss sich konsequenterweise subjektiv gestalten. Entsprechend steht am Beginn der ersten Seite ein Nebensatz:

„Bis ich mit sechzig Jahren, erst mit sechzig meinen richtigen Vater kennengelernt habe, diesen Anton Halbsleben in Hohenems, durch einen Theaterportier, der auch aus Hohenems war.“

In diesem Satz steckt schon der Hinweis zur Unvollständigkeit, zum unausgesprochenen Davor, das den Leser*innen in der Geschichte des Ich-Erzählers Heinz Fritz nach und nach fragmentarisch offengelegt wird. Basierend auf dem Wissensstand freilich, der dem Protagonisten zur Verfügung steht, die Unzuverlässigkeit und persönliche Färbung der Erinnerung immer mitbedacht. Schon der Name trägt dieses verfremdende Moment des Erzählens in sich und führt das Prinzip des Romans konsequent weiter, wie im am Buchende angeführten Dank zu lesen ist: „Dieses Buch gäbe es nicht ohne die Begegnung mit Heinz Fitz, der es mir erlaubt hat, entlang seiner Lebens-Geschichte diesen Roman frei zu entwickeln.“ Der Schauspieler Fitz oder der Schauspieler Fritz, ein Buchstabe Unterschied, ähnlich und doch nicht gleich. Das Verhältnis zwischen realer Person und Romanfigur sei hier übrigens dahingestellt, denn darum geht es auch nicht; zentral ist vielmehr die Ich-Werdung, die sich im Akt des Erzählens vollzieht. Die Erarbeitung einer Identität, die von nur bruchstückhaften Informationen ausgehend Verbindungen knüpft und eine provisorische Einheit schafft – nie ohne diese auch infrage zu stellen:

„Und vielleicht haben diese Leute, diese Paten von mir, sie dann nach Hohenems gebracht und dann wiederum nach Lustenau, ich fantasiere, ich muss fantasieren, aber es ist möglich, sonst wäre es auch kein Roman.“

So könnte sie sich also zugetragen haben, die Lebensgeschichte seiner Mutter, und so könnten sich die Etappen in Heinz’ eigener Biografie erklären. Mit Sicherheit weiß der Protagonist nur weniges: Seine aus dem nördlichen Norwegen stammende Mutter Gerd Hörvold hat sich während der deutschen Besatzung in ihrer Heimatstadt Kirkenes in einen deutschen Soldaten verliebt. Aus diesem Verhältnis wird Heinz geboren, die junge Frau soll nach Österreich nachziehen, doch der Vater verschwindet. Nach Zwischenstationen in einem nationalsozialistischen Lebensborn-Heim und bei einem sadistisch veranlagten Bauern wird der Junge wieder von seiner Mutter aufgenommen, von da an leben sie gemeinsam in Vorarlberg. Beide bleiben dort fremd, zu viele Leerstellen finden sich in ihrer Geschichte, die von den Menschen in der Umgebung mit zu vielen Gerüchten gefüllt werden. Heinz’ Kindheit und Jugend sind fortan von Gewalt und einem ständigen Gefühl der inneren Heimatlosigkeit geprägt. Genauso schmerzlich scheint ihm das Leben seiner Mutter, die in einer patriarchal organisierten Welt, als Fremde, die noch dazu nicht Deutsch spricht, ständig in die Rolle der Bittstellerin, später auch der Bedürftigen und Verrückten gedrängt wird. Heinz und Gerd sprechen nicht viel, doch der Sohn baut für sich eine Verbindung zu ihr auf, über den gemeinsamen Hang zum Schauspiel, über Literatur und Film, über die Interpretation von Blicken und Gesten; allein über die Bereitschaft, ihr verbunden zu sein:

„Wie damals bei dem Bauern, von dem sie mich weggeholt hat, ist meine Mutter im Kino von Lustenau noch einmal neu in mein Leben gekommen. Durch die Filme, während derer ich sie erleben konnte wie eben sonst nicht. Die Leinwand, auf der sich alles abspielte, war ihr Gesicht, wir waren die Leinwand, und jede Geschichte, die durch uns hindurchflimmerte, wurde zur Geschichte von ihr und von mir. Wir haben viele Leben gelebt, miterlebt, in den Geschichten der anderen, und nachgeholt, was wir in den Jahren, in denen wir getrennt waren, versäumt haben mochten.“

Die zu Beginn meist noch kurzen und zum Ende des Romans hin länger werdenden Textpassagen hangeln sich an den Figuren entlang, denen Heinz begegnet. Irgendwo zwischen Grausamkeit, Gleichgültigkeit und bedingungsloser Liebe entwickelt sich so ein vielseitiges Mosaik menschlicher Beziehungen vor der persönlichen Lebensgeschichte des Protagonisten, ihre zeitgeschichtlichen Implikationen dezent und angemessen miteinbezogen. Stilistisch nähert sich der Autor kunstvoll dem mündlichen Erzählen an, das sich scheinbar situativ entwickelt, wiederholt und akzentuiert. Der Eindruck eines persönlichen Sprechrhythmus entsteht mitunter durch die vielen Kursivierungen, die betonen und gleichzeitig bremsen: Was im Schriftbild hervorsticht, weckt die Aufmerksamkeit der Leser*innen und kann dadurch nicht so leicht übergangen werden.

In seiner ersten Buchveröffentlichung seit 2009 entwickelt Alois Hotschnig eine ebenso raffinierte wie immersive Betrachtung über das Erzählen, die dabei doch immer unaufgeregt bleibt und sich niemals im Pathos verliert. Die Erinnerung des Protagonisten stellt zusammen mit seinen Beobachtungen und den Ergänzungen der anderen Figuren die losen Fragmente in einen Zusammenhang; aber eben nur in einen möglichen.

Sarah Auer

cs/cg

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