LitKu - Buch des Monats November 2021
Byung-Chul Han: Lob der Erde. Eine Reise in den Garten.
Berlin: Ullstein 2018.
Eines Tage spürte ich eine tiefe Sehnsucht, ja ein akutes Bedürfnis, der Erde nahe zu sein. So habe ich den Entschluss gefasst, tagtäglich zu gärtnern.
Dieses tagtägliche Gärtnern, verbunden mit der Praxis des (Tagebuch-)Schreibens bildet die ruhevolle Basis von Byung-Chul Hans Lob der Erde. Der durch den koreanisch-deutschen Philosophen und Kulturwissenschaftler bestellte Garten in der Nähe des Wannsees in Berlin treibt formal eigenwillige und doch gerade deshalb anmutige Blüten: Reflektierende Kurzprosa, die ihren Ausgangspunkt oftmals bei literarischen oder philosophischen Texten mit botanischen Verweisen nimmt, steht neben genau datierten Tagebucheinträgen aus dem Zeitraum zwischen dem 31. Juli 2016 und dem 20. November 2017, dem Tagebuch des Gärtners. Über die Pflanzenwelt schlägt der Autor einen Bogen vom Dokumentarischen und der Freude am Kleinen (dem Graben im Beet, der Beschaffenheit der Erde, den wechselnden Blütezeiten) zu einer übergeordneten Ganzheitlichkeit. Das kontinuierliche Wachsen und Vergehen im Jahreskreis nimmt dabei eine erhabene, gleichsam religiöse Stellung ein; nicht umsonst ist dem Text ein Zitat aus dem Buch Hiob (12,
7-9) vorangestellt:
Frage doch das Vieh, das wird dich’s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden’s dir sagen. Oder rede mit der Erde, die wird dich’s lehren, und die Fische im Meer werden dir’s erzählen. Wer erkennte nicht an dem allen, daß des HERRN Hand solches gemacht hat?
Die Beziehung zwischen Makro- und Mikroebene, zwischen dem Ganzen und seinen Teilen, ist also schon dem vorangestellten Motto eingeschrieben. Im weiteren Verlauf des Buches fügen sich einerseits Fauna und Flora des Gartens in die Gesamtheit der Schöpfung, gleichzeitig ist das Gärtnern an sich ein schöpferischer Akt, eine Überführung der Natur in die kulturelle Welt. Keinesfalls propagiert der Text in diesem Zusammenhang jedoch eine hierarchische Ordnung. Vielmehr ermöglicht die Gegenüberstellung des Menschen mit der Pflanzenwelt – in Byung-Chul Hans Worten: mit seinem Anderen – eine Re-Evaluierung menschlicher Lebensgestaltung. Sowohl die Kurztexte als auch die Tagebucheinträge sind von denselben gesellschaftskritischen Ansätzen durchzogen, die auch die theoretischen Texte des Autors in Publikationen wie Infokratie (2021) oder Müdigkeitsgesellschaft (2010) prägen. Kapitalismus und zwanghafter Individualismus, Digitalisierung und Transparenzgesellschaft bilden Tendenzen ab, denen es entgegenzusteuern gilt:
Angesichts der Digitalisierung der Welt täte es not, sie zu reromantisieren, die Erde, ihre Poetik wiederzuentdecken, ihr die Würde des Geheimnisvollen, des Schönen, des Erhabenen zurückzugeben.
Byung-Chul Han an dieser Stelle einen gewissen Kulturpessimismus vorzuwerfen (und das wurde in Bezug auf seine Schriften zur Genüge getan), ist bestimmt nicht ganz ungerechtfertigt; doch in jedem Fall gibt die Lektüre ihren Leser*innen einen lohnenden Anstoß zur Wachsamkeit und Sorgsamkeit im Umgang mit der natürlichen Welt. Den Tagebuchpassagen kommt hierbei besondere Bedeutsamkeit zu. Geradezu dokumentarisch hält der Autor kleinste Veränderungen im Gefüge des Gartens fest, protokolliert Wachstum, Blütezeiten, Witterung und Tierbesuche; er fügt sich damit in den Rhythmus, den er vorfindet, zwingt sich gleichermaßen selbst zur Entschleunigung und zum Innehalten. So heruntergebrochen birgt die Anbindung an die Pflanzenwelt gar ein meditatives Potenzial: Für einen Moment wird alle Aufmerksamkeit auf eine Farbe, einen Klang, einen Duft gelenkt, die nur im Akt des Verweilens wirklich bewusst wahrgenommen werden können. In der Beziehung zur Natur muss der Mensch sich aus der alltäglichen Schnelllebigkeit herausnehmen:
Der Garten hat seine Eigenzeit, über die ich nicht verfügen kann. Jede Pflanze hat ihre Eigenzeit. […] Es ist erstaunlich, dass jede Pflanze ein ausgeprägtes Zeitbewusstsein hat, vielleicht sogar mehr als der Mensch, der heute irgendwie zeitlos, zeitarm geworden ist.
Zum Innehalten ermutigen auch die wunderbaren Illustrationen der Künstlerin Isabella Gresser, die den besonderen Reiz der Buchgestaltung ausmachen. Mit filigranen weißen Linien auf schwarzem Grund visualisiert sie, im Stil botanischer Bildtafeln, geradezu mikroskopisch die im Text beschriebenen Pflanzen. Die schwarzen Seiten unterbrechen den Schrifttext und fordern Aufmerksamkeit; durch ihre gestalterische Kontinuität fügen sie die Gewächse aber auch in eine gemeinsame Ordnung. Die floralen Sprachbilder erhalten so ihr grafisches Abbild, der Zettelkasten aus literarischen, musikalischen und philosophischen Fragmenten findet in einen Zusammenhang: Um die vielbesungene blaue Blume der Romantiker*innen (das Heliotrop), Gottfried Benns lyrisch festgehaltene Anemone oder Byung-Chul Hans Winterjasmin gruppiert sich ein lebendiges Herbarium voller intertextueller Querverbindungen und assoziativem Spielraum.
Mit der ihm eigenen sprachlichen Feinsinnigkeit und Eleganz plädiert Byung-Chul Han in seinem Lob der Erde für eine Hinwendung zur analogen Welt, ein neues Bewusstsein für die Zeit und einen schonenden Umgang mit der Natur. Dabei lädt er seine Leser*innen nachdrücklich zum Verweilen ein – wenn nicht im eigenen Garten, dann vorerst zumindest im sprachlichen.
Sarah Auer
Ein früheres gemeinsames Projekt der Künstlerin Isabella Gressler und Byung-Chul Hans ist übrigens der 2015 erschienene Dokumentarfilm Müdigkeitsgesellschaft: Byung-Chul Han in Seoul / Berlin, der >>> hier in voller Länge angesehen werden kann.
cs/cg

